10. Weit weg von der Heimat

Wegen der angeblich "versuchten Republikflucht", wegen der ich 1974 für 14 Monate ins Gefängnis musste, war ich natürlich anfällig für westliche Ideen im Fernsehen und Radio. Ich habe deshalb einiges getan, was die DDR Staatssicherheit beschäfigte; Ende 1976 war die Wolf Biermann Geschichte, die viel Wirbel machte und ich wurde mir immer mehr darüber sicher, dass ich in der DDR nichts mehr zu suchen hatte. Ich provozierte deshalb sehr viel; Anfang 1977 trat ich aus der FDJ aus und im Juni 1977 wollte ich mir mal das Grenzgebiet näher ansehen; dort wurde ich im Wald ergriffen. Es war aber noch kein verbotenes Grenzgebiet und ich habe zu Protokoll gegeben, dass ich mir nur die schöne Natur ansehen wollte. Das machte die Stasi wütend, weil sie mich deshalb nicht verurteilen konnten. Daraufhin wurde mir mehrfach ein Strick aus Lügen gedreht, so dass ich noch mehrmals zu Gefängnishaft verurteilt wurde für Dinge, die ich nicht getan habe. Das war eine sehr harte Zeit für mich, in der ich viel erdulden musste. Das Landgericht Halle hat diese Strafen nach der Wende für ungültig erklärt und ich bekam eine Entschädigung.

 

Ich bin also im Juli 1981 in die BRD gekommen. Genau fünf Jahre nach Petra. Davon wurde ich in dieser Zeit zu insgesamt 60 Monaten Haft verurteilt. Das sind genau fünf Jahre. Einmal 26 Monate vom Oktober 1977 bis Dezember 1979 und dann 34 Monate vom 01. April 1980, die ich aber nicht völlig absitzen musste; ich wurde am 22. Juli 1981 (auf meinen Ausreise-Antrag von 1978) in die BRD gebracht.

 

Petra hatte, wie ich heute weiß, im März 1978 schwanger im 8. Monat geheiratet. Und das ist ja nicht verwunderlich, denn sie war ein sehr hübsches Mädel. Diese Ehe hielt nicht lange und Petra heiratete ein zweites mal. Sie hat vier Kinder. Auch die zweite Ehe hatte keinen Bestand, so dass sie nach ihren eigenen Angaben seit cirka 1995 wieder allein lebte; natürlich mit ihren Kindern. So zogen wieder ins elterliche Haus nach Kannwurf. Einen Mann kennenzulernen, der zu ihr passt und mit dem sie leben kann, gelang ihr danach nicht mehr. Dabei spielen ganz sicher auch ihre seelischen Verletzungen eine Rolle, die sie erlitten hat.

 

In der DDR hatte ich noch zwischen den Haftzeiten ein paar kurze Beziehungen gehabt, ich habe Mädchen weh getan und mir wurde weg getan. Damals dachte ich, so ist das Leben eben.

 

Da war ich nun in der BRD -ich war 23 Jahre jung und naiv-, ein fernes fremdes Land mit Menschen gleicher Sprache und anderen Sitten und vielen verrückten Spinnern. Ein böses Land, in dem ich nicht wusste, was ich da im Kapitalismus sollte. Aber ein "Zurück" gab es nicht mehr.

 

Die DDR Schlagersängerin Fanny Daal singt in ihrem Lied "Aber ein Herz" 1960:

 

Du bleibst überall ein fremder Gast

Weil du dort ja kein zuhause hast
Aber ein Herz das gern glücklich wär
Das schlägt in der Heimat
Und wartet auf dich so sehr

 

Auf Youtube Aber ein Herz

 

Ich möchte hier nichts weiter über die BRD schreiben. Wesentlich ist aber, dass ich am 18. Oktober 1982 durch ein übersinnliches Erlebnis den Atheismus abgelegt habe und seitdem an die Bibel glaube.

 

Dazu kommt aber ein Phänomen: Ich hatte sehr viel aus der DDR verdrängt; etliche Erinnerungen waren so blass, dass sie fast überhaupt nicht mehr vorhanden waren. Es war mir egal. Ich wollte unterbewusst diese Zeit aus meiner Seele weghaben. So vergingen die Jahre bis zur sogenannten Wende, also der deutschen Wiedervereinigung.

 

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