2. Dummheiten

Ich war ein schüchterner und stiller Junge, aber doch mit Selbstbewusstsein; ich sag das deshalb, weil der Begriff "schüchterner und stiller Junge" auch falsch verstanden werden könnte! So wie einer, der sich nichts traut und der seinen Mund nicht aufkriegt. Nein, so meine ich es nicht. Aber doch keiner, der laut und protzig auftritt. Das war mir fremd. Auch hatte ich gute Zensuren in der Schule; aber das besagt ja nichts. Bildung und gute Erziehung umfasst doch mehr als die Schule. Eine gute Erziehung im eigentlichen Sinne hatte ich auch nicht.

Irgendwann zur der Zeit, als wir nach Oldisleben gezogen sind, habe ich aus Langer Weile und Abenteuerlust ein paar wenige Dummheiten begangen. Nichts besonderes; nichts wofür man als Jugendlicher ins Gefängnis kommt. Das ist rausgekommen und die Polizei war sogar bei uns zuhause. Das habe ich alles sofort einem Freund erzählt, der 1 oder 2 Jahre älter war als ich. Der sagte zu mir, ich könne doch abhauen um nicht vor Gericht zu müssen. Zum Beispiel auf der Insel Rügen auf ein Schiff klettern, das nach Schweden fährt. Dann wäre ich weg und frei. Das gefiel mir, da meine Mutter sehr sauer auf mich war und ich zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnen konnte, dass ich nicht ins Gefängnis gekommen wäre.

Ich war so leicht beeinflussbar und habe mir keine großen Gedanken gemacht. Wie soll ich auf die Insel Rügen kommen? Da kann ich mir ein Motorrad "ausleihen", das immer in der Nähe steht. Und woher das Benzin nehmen? Da wusste mein Freund auch Bescheid, wo man Benzin klauen kann. Und woher ein bisschen Geld nehmen für alles? Ach, aus der Brieftasche des Stiefvaters, das ist ja auch nur geliehen!

 

Nun, es kam wie es kommen musste; das war nichts mit "auf ein Schiff klettern"! Habs nicht mal versucht. Hab nur paar Tage bei dem herrlichen Wetter auf Rügen rumgehangen, nachts am Strand geschlafen, als die Kutter so schön am Horizont entlang tuckerten und eingesehen, dass das alles Blödsinn ist; das mit dem Abhauen. Warum sollte ich denn abhauen? Ich habe mich dort nach vier Tagen der Polizei gestellt. Das Geld war auch schon alle und weitere Dummheiten wollte ich nicht begehen. Als ich ohne groß nachzudenken der Polizei am Ende die ganze Wahrheit erzählt habe, wurde ich sofort in die nächste U-Haft gebracht. Versuchte Republikflucht!

 

Die Verhöre in der U-Haft haben dann ergeben, dass ich wegen versuchter Republikflucht nicht angeklagt werden soll; ich hatt es ja nicht ernst gemeint und ich hab ja auch nichts versucht. Es war ja nur mal ein Gedanke. Mehr nicht. Man sagte mir, ich brauche mir keine Sorgen machen, alles im allem bekomme ich eine Strafe auf Bewährung. So steht es in den Akten, die ich auch heute noch habe.

 

Das gefiel aber dem Herrn Staatsanwalt Pape nicht. Der wollte mich ins Gefängnis stecken. Und das hat er auch erreicht. Wegen der „Versuchten Republikflucht“. Ich kam daher 14 Monate ins Jugendgefängnis. Uns Jugendliche, die versuchte Republikflucht begangen hatten, ließ man die Strafe bis auf den letzten Tag absitzen. Da war nichts mit "Vorzeitiger Entlassung wegen guter Führung" oder so. Nein, das gabs nicht in der DDR bei Republikflucht. Nun, ich hab dort wenigstens meinen Schulabschluss der 10. Klasse gemacht. Genau deshalb hat mein Abschlusszeugnis den Stempel einer Schule in "Wriezen".

Mit dem Mädchen aus meiner Klasse in Oldisleben, die sich für mich interessiert hatte war‘s dadurch natürlich auch aus. Ich glaub', die hieß Ute.

Als ich entlassen wurde, war ich 17 Jahre und 1 Monat alt. Sicher hatte ich wegen dem vielen Drill und der täglichen Schikanen im Jugendgefängnis meinen ersten seelischen Knacks erlitten. Und weil ich überhaupt ins Gefängnis gekommen war, obwohl mir die Kriminalpolizei das Gegenteil gesagt hatte, was dem Staatsanwalt aber nicht passte. In der DDR hatte nämlich der Staatsanwalt die Gewalt über das Gericht. Ich war über das alles sehr traurig. Aber was solls. Ich wusste nur eins: Nie wieder in ein Gefängnis! Und ich war auch ein bisschen beleidigt, weil ich nun Kellner werden sollte. Aber man ließ mir keine große Auswahl wegen meiner Vorstrafe. Es ist aber doch kein schlechter Beruf gewesen, das gebe ich zu. In der DDR war es sogar ein guter Beruf, wie ich später merkte.

 

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